Weder die Falknerei noch autobiographische Trauerbewältigung gehören normalerweise zu meinen bevorzugten Themen. Wider Erwarten ist das Buch von Helen Macdonald, das eben solches verbindet, faszinierend und erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters beschließt die Literaturdozentin Macdonald sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen und einen Habicht zu kaufen um ihn für die Falknerei abzurichten. Dabei löst sie sich fast komplett von ihrem sonstigen Alltag, lässt ihre Lehrtätigkeit auslaufen, hat kaum Kontakt zu anderen Menschen und versinkt zusehends in die Welt ihres Greifvogels. Die Trauer über den Tod des Vaters lauert manchmal im Hintergrund und bricht dann doch wieder schmerzhaft hervor.
In das Buch verwoben ist ein Teil der Lebensgeschichte von T.H. White. White war der Autor von "The sword in the stone", einer Nacherzählung der Artussage, die dann von Disney als "Merlin und Mim" verhunzt wurde. T.H. White, der sich ein den 1930er Jahren von seiner Lehrtätigkeit zurückzog um zu schreiben und die Falknerei zu betreiben, ist die ambivalenteste (und auch interessanteste) Figur dieses Buches. Ein psychisch beschädigter, der versucht ein perfekter englischer Gentleman zu sein und sich doch der Rekrutierung für den zweiten Weltkrieg entzieht und auch sonst ein wenig konformistisches Leben führt.
So trainieren Macdonald und White ihre Vögel im Buch parallel, wenn auch in Wirklichkeit zeitlich getrennt, mit recht unterschiedlichen Ergebnissen.
Nach unzähligen getöteten Hasen, Hühnern und Fasanen ist man der Welt der Falknerei ein Stück nähergekommen und wäre doch gleichzeitig froh, wenn der Habicht sich am Ende für die Freiheit entschieden hätte und nicht für den Handschuh seiner Besitzerin.
Freitag, 2. Januar 2015
Freitag, 26. Dezember 2014
William Boyd: An Ice-Cream War
Ein älteres Buch eines Lieblingsautors zu entdecken, das man noch nicht kennt, ist ein wahrer Glücksfall. Wenn es sich noch dazu um ein sehr gutes Buch handelt, ist es ein literarischer Lotteriegewinn. "An ice-cream war" oder auf deutsch "der Eiskrem-Krieg" von William Boyd ist ein solcher Glücksfund.
Boyd, der teilweise in Ghana aufwuchs, beschreibt die Kriegshandlungen der deutschen und britischen Kolonialarmeen in Ostafrika nach Ausbruch des ersten Weltkriegs aus dem Blickwinkel von Menschen auf beiden Seiten. Nachbarn, die nebeneinander ihre Farmen betrieben, werden zu Todfeinden und Feinde zu Verbündeten. Die Kampfhandlungen sind chaotisch, sinnlos und entbehren trotz der vielen Toten nicht einer gewissen Komik. Nicht nur die Kämpfe selbst, auch die Kriegsteilnehmer weisen skurrile Züge auf. Der Autor spielt mit den Klischees von den effizienten Deutschen und den dilettantischen Briten und führt sie ad absurdum.
Dennoch ist das Buch kein großes Schlachtengemälde, sondern geht der Geschichte eines amerikanischen Farmers, dessen deutschen Nachbarn, eines britischen Offiziers und seines Bruders nach, zeigt wie sie in diesen Konflikt hineingezogen werden und dieser ihr Leben auf den Kopf stellt.
Zu Beginn des ersten Weltkriegs glaubten beide Seiten, dass der Krieg nach ein paar Wochen beendet sein würde. Die Soldaten würden "wie Eis in der Sonne schmelzen" und davon leitet sich der Titel des Romans ab. Es wurde ein sehr langes Eis, kostete Millionen das Leben und veränderte die Welt grundlegend.
Boyd, der teilweise in Ghana aufwuchs, beschreibt die Kriegshandlungen der deutschen und britischen Kolonialarmeen in Ostafrika nach Ausbruch des ersten Weltkriegs aus dem Blickwinkel von Menschen auf beiden Seiten. Nachbarn, die nebeneinander ihre Farmen betrieben, werden zu Todfeinden und Feinde zu Verbündeten. Die Kampfhandlungen sind chaotisch, sinnlos und entbehren trotz der vielen Toten nicht einer gewissen Komik. Nicht nur die Kämpfe selbst, auch die Kriegsteilnehmer weisen skurrile Züge auf. Der Autor spielt mit den Klischees von den effizienten Deutschen und den dilettantischen Briten und führt sie ad absurdum.
Dennoch ist das Buch kein großes Schlachtengemälde, sondern geht der Geschichte eines amerikanischen Farmers, dessen deutschen Nachbarn, eines britischen Offiziers und seines Bruders nach, zeigt wie sie in diesen Konflikt hineingezogen werden und dieser ihr Leben auf den Kopf stellt.
Zu Beginn des ersten Weltkriegs glaubten beide Seiten, dass der Krieg nach ein paar Wochen beendet sein würde. Die Soldaten würden "wie Eis in der Sonne schmelzen" und davon leitet sich der Titel des Romans ab. Es wurde ein sehr langes Eis, kostete Millionen das Leben und veränderte die Welt grundlegend.
Sonntag, 14. Dezember 2014
Carlos Maria Dominguez: Das Papierhaus
Ein Buch über Bücher, vielmehr über ein Buch und die Suche nach dessen ehemaligem Besitzer. Dieser schön gestaltete, schmale Band beschreibt humorvoll, was die Buchsammelleidenschaft und Lesesucht mit den Menschen und ihren Bibliotheken machen kann.
Schon der erste Satz handelt von einem tödlichen Gedichtband! Die daraus folgende berufliche Erbschaft zwingt einen Literaturdozenten sich auf die Suche nach einem Mann zu begeben, der ein zementverkrustetes Buch verschickt hat und trifft dabei auf die absonderlichsten Bibliomanen. Mehr soll hier gar nicht verraten werden, nur so viel, dass Sie es lesen sollen, falls Ihnen die Anzahl ihrer Bücher über den Kopf wächst. Kommen Sie nur nicht mit dem Argument, dass man ja mittels eines E-Books Bücher lesen kann ohne sie lagern zu müssen. Würden Sie sich auf eine Gralssuche aufgrund eines zugesandten Kindles begeben? Eben!
Schon der erste Satz handelt von einem tödlichen Gedichtband! Die daraus folgende berufliche Erbschaft zwingt einen Literaturdozenten sich auf die Suche nach einem Mann zu begeben, der ein zementverkrustetes Buch verschickt hat und trifft dabei auf die absonderlichsten Bibliomanen. Mehr soll hier gar nicht verraten werden, nur so viel, dass Sie es lesen sollen, falls Ihnen die Anzahl ihrer Bücher über den Kopf wächst. Kommen Sie nur nicht mit dem Argument, dass man ja mittels eines E-Books Bücher lesen kann ohne sie lagern zu müssen. Würden Sie sich auf eine Gralssuche aufgrund eines zugesandten Kindles begeben? Eben!
Michail Lermontow: Ein Held unserer Zeit
Auch ein Prosa - "Meisterwerk" eines russischen Lyrikers des 19. Jahrhunderts kann enttäuschen oder in einem Satz ausgedrückt: Ein Ungustl reist durch einen poetisch beschriebenen Kaukasus.
Während man in den Werken Karl Mays die Landschaftsbeschreibungen tunlichst vermeidet um gleich zu den Abenteuern zu gelangen, ertappte ich mich bei Lermontow beim umgekehrten Lesevorgang. Ich genoss die gelungene Beschreibung der Gebirgslandschaft des Kaukasus und huschte über die Zeilen, die die Handlungen und Erlebnisse des Offiziers Petschorin erzählen. Petschorin sucht das Abenteuer, mag es kriegerischer oder romantischer Natur sein, um des Abenteuers Willen. Ein endorphingetriebener Held, der die Menschen nur als Mittel zum Zweck betrachtet. Keine menschliche Bindung hält ihn oder ist von Dauer, und so hinterlässt er eine Spur von Verzweifelten und Toten. Fast ist man an das Buch "American Psycho" erinnert. So gesehen ein sehr modernes Thema und dennoch ein unrunder Roman, der die Literaturwissenschaftler zu begeistern vermag, mich aber nicht.
Während man in den Werken Karl Mays die Landschaftsbeschreibungen tunlichst vermeidet um gleich zu den Abenteuern zu gelangen, ertappte ich mich bei Lermontow beim umgekehrten Lesevorgang. Ich genoss die gelungene Beschreibung der Gebirgslandschaft des Kaukasus und huschte über die Zeilen, die die Handlungen und Erlebnisse des Offiziers Petschorin erzählen. Petschorin sucht das Abenteuer, mag es kriegerischer oder romantischer Natur sein, um des Abenteuers Willen. Ein endorphingetriebener Held, der die Menschen nur als Mittel zum Zweck betrachtet. Keine menschliche Bindung hält ihn oder ist von Dauer, und so hinterlässt er eine Spur von Verzweifelten und Toten. Fast ist man an das Buch "American Psycho" erinnert. So gesehen ein sehr modernes Thema und dennoch ein unrunder Roman, der die Literaturwissenschaftler zu begeistern vermag, mich aber nicht.
Dienstag, 25. November 2014
Jules Barbey d'Aurevilly: Der Chevalier des Touches
Barbey d'Aurevilly gehört zu den fast vergessenen französischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Warum seine Romane nicht so bekannt sind wie die von Victor Hugo oder Dumas, ist nicht ganz klar, aber das Nachwort von Heinrich Mann weist darauf hin, dass er kein Liebling der Kritiker war und in vorrevolutionärer Haltung dem alten Frankreich nachhing, somit ein verspäteter Romantiker war, ein aus der Zeit gefallener. Solches verzeiht der Literaturbetrieb nicht (damals nicht und heute schon gar nicht). Es ist dem Verlag Matthes & Seitz zu verdanken, dass dieser Autor aus den Tiefen der Weltbibliothek herausgestöbert wurde.
Der Roman beginnt wie ein englischer Schauerroman: An einem regnerischen Dezemberabend treffen sich fünf alte Aristokraten um sich am Kaminfeuer die Zeit zu vertreiben. Einer von ihnen hat ein Gespenst gesehen; den tot geglaubten Chevalier des Touches, einen Helden der lang vergangenen Chouan-Aufstände gegen das revolutionäre Frankreich.
So kommt es, dass das Fräulein de Percy (eine hässliche alte Dame) die Geschichte von der Entführung des Ritters des Touches, den man im Londoner Exil die schöne Helena nannte, aus der Gefangenschaft der Revolutionäre erzählt. Das alte Fräulein lässt den Guerillakrieg einer kleinen Anzahl von Royalisten aufleben, der in den Wäldern und Heckenlandschaften der Normandie geführt wird. Obwohl jede Hoffnung auf einen Sieg verschwunden ist, kämpfen die "Jäger des Königs" ihre kleinen Scharmützel mit Witz und Mut. Zwölf Krieger unternehmen die Befreiung des Ritters des Touches und nicht alle werden zurückkehren. Selbst die Überlebenden werden wenig Dank von den wieder eingesetzten Bourbonen erben, denn die Zeit der Ritterlichkeit ist endgültig vorüber und d'Aurevilly ist der Barde ihres Abgesanges.
Der Roman beginnt wie ein englischer Schauerroman: An einem regnerischen Dezemberabend treffen sich fünf alte Aristokraten um sich am Kaminfeuer die Zeit zu vertreiben. Einer von ihnen hat ein Gespenst gesehen; den tot geglaubten Chevalier des Touches, einen Helden der lang vergangenen Chouan-Aufstände gegen das revolutionäre Frankreich.
So kommt es, dass das Fräulein de Percy (eine hässliche alte Dame) die Geschichte von der Entführung des Ritters des Touches, den man im Londoner Exil die schöne Helena nannte, aus der Gefangenschaft der Revolutionäre erzählt. Das alte Fräulein lässt den Guerillakrieg einer kleinen Anzahl von Royalisten aufleben, der in den Wäldern und Heckenlandschaften der Normandie geführt wird. Obwohl jede Hoffnung auf einen Sieg verschwunden ist, kämpfen die "Jäger des Königs" ihre kleinen Scharmützel mit Witz und Mut. Zwölf Krieger unternehmen die Befreiung des Ritters des Touches und nicht alle werden zurückkehren. Selbst die Überlebenden werden wenig Dank von den wieder eingesetzten Bourbonen erben, denn die Zeit der Ritterlichkeit ist endgültig vorüber und d'Aurevilly ist der Barde ihres Abgesanges.
Alan Bradley: Die Flavia de Luce Krimis
"A guilty pleasure" würde es meine jüngste Schwester nennen und um eine ebensolche geht es auch in dieser Krimiserie. Die elfjährige Flavia de Luce lebt in den 1950er Jahren auf dem Anwesen Buckshaw, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Zum Inventar von Buckshaw zählen neben unzähligen Räumen und alten Einrichtungsgegenständen, die beiden älteren Schwestern, ein Briefmarken sammelnder Vater (Colonel de Luce), eine klatschsüchtige, aber unfähige Köchin und ein kriegstraumatisierter Butler.
Flavia lebt in einem abgeschiedenen Flügel des Herrenhauses und geht dort in dem alten Labor ihres Onkels ihrer großen Liebe, der Chemie (mit Spezialisierung auf Gifte), nach.
Als eines Tages ein toter Vogel mit einer Briefmarke im Schnabel auf der Türschwelle liegt und nur wenig später ein Mann im Gurkenbeet von Buckshaw sein Leben aushaucht, beginnt die Ermittlerkarriere von Flavia. Um es mit ihren Worten zu sagen: "Ich wünschte ich könne sagen, dass ich mich fürchtete, aber das war nicht der Fall. Ganz im Gegenteil war es gewiss das Interessanteste, das mir jemals passierte."
So reitet sie auf ihrem treuen Fahrrad Gladys gegen das Verbrechen aus, versucht der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein und bringt sich damit in die unmöglichsten Situationen.
Die Dialoge sind feinstes britisches Kammerspiel, auch wenn ihr Autor ein über Siebzigjähriger Kanadier ist. Jenseits der nebligen Skandinavienkrimis und der psychopathischen Mordserien strahlen die Flavia de Luce-Krimis wie ein englischer Garten nach einem leichten Sommerregen.
Flavia lebt in einem abgeschiedenen Flügel des Herrenhauses und geht dort in dem alten Labor ihres Onkels ihrer großen Liebe, der Chemie (mit Spezialisierung auf Gifte), nach.
Als eines Tages ein toter Vogel mit einer Briefmarke im Schnabel auf der Türschwelle liegt und nur wenig später ein Mann im Gurkenbeet von Buckshaw sein Leben aushaucht, beginnt die Ermittlerkarriere von Flavia. Um es mit ihren Worten zu sagen: "Ich wünschte ich könne sagen, dass ich mich fürchtete, aber das war nicht der Fall. Ganz im Gegenteil war es gewiss das Interessanteste, das mir jemals passierte."
So reitet sie auf ihrem treuen Fahrrad Gladys gegen das Verbrechen aus, versucht der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein und bringt sich damit in die unmöglichsten Situationen.
Die Dialoge sind feinstes britisches Kammerspiel, auch wenn ihr Autor ein über Siebzigjähriger Kanadier ist. Jenseits der nebligen Skandinavienkrimis und der psychopathischen Mordserien strahlen die Flavia de Luce-Krimis wie ein englischer Garten nach einem leichten Sommerregen.
Timothy Snyder: Der König der Ukraine
Als Wiener wächst man mitten im architektonischen Erbe der Habsburger, aber auch in ihrem imperialen Kitsch auf. Wie wenig wissen wir allerdings von diesem Herrschergeschlecht, das jahrhundertelang die Geschichte Europas maßgeblich beeinflusste. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs scheint es, als wären sie plötzlich verschwunden und die Geschichte ihres Hauses auf wenige Anekdoten zusammengeschrumpft.
Der Historiker Timothy Snyder, Experte für osteuropäische Geschichte, erzählt in seinem Buch "Der König der Ukraine" das Leben von Wilhelm von Habsburg, der kurz vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Pola an der Adria geboren wurde und Zeit seines Lebens plante Herrscher der Ukraine zu werden.
Manche Habsburger wussten, dass die Idee der Nation nicht aufzuhalten war, ihrer Ansicht sprach aber nichts gegen einzelne Nationen, die von Habsburgern beherrscht werden würden. So plante sein Vater ein Königreich Polen und Wilhelm den Zusammenschluss der ukrainischen Gebiete zu einem vereinigten Fürstentum.
Der Plan war mit dem Verlust des Krieges nicht gestorben und überhaupt endete der erste Weltkrieg im Osten erst um einiges später. Während des Krieges und auch danach agierte Wilhelm, als "roter Prinz" bezeichnet, mit einer Kampfgruppe im Gebiet der Ukraine. Das tat er auch gegen den Willen des Verbündeten Deutschland, der die Ukraine nur als Kornkammer sah. (Diese Ansicht sollte sich im zweiten Weltkrieg wiederholen.)
Selbst im Exil agierte er für eine unabhängige Ukraine, spionierte im zweiten Weltkrieg für Engländer und Franzosen und wurde 1948 von den Sowjets in Wien entführt, monatelang in Baden verhört und starb daraufhin an den Folgen der Verhöre in Kiew.
Neben der hochinteressanten Lebensgeschichte ist es faszinierend zu lesen, welche machtpolitischen Konstrukte Staaten und Nationen darstellen. Die Idee einer Nation brauchte zu Beginn permanentes Marketing um sich in den Köpfen der Bevölkerung festzusetzen. Vor dem ersten Weltkrieg stand es den privilegierten Schichten frei zu reisen oder sich für einen Staat zu entscheiden und damit die eigene Lebensgeschichte neu zu erfinden.
Der Historiker Timothy Snyder, Experte für osteuropäische Geschichte, erzählt in seinem Buch "Der König der Ukraine" das Leben von Wilhelm von Habsburg, der kurz vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Pola an der Adria geboren wurde und Zeit seines Lebens plante Herrscher der Ukraine zu werden.
Manche Habsburger wussten, dass die Idee der Nation nicht aufzuhalten war, ihrer Ansicht sprach aber nichts gegen einzelne Nationen, die von Habsburgern beherrscht werden würden. So plante sein Vater ein Königreich Polen und Wilhelm den Zusammenschluss der ukrainischen Gebiete zu einem vereinigten Fürstentum.
Der Plan war mit dem Verlust des Krieges nicht gestorben und überhaupt endete der erste Weltkrieg im Osten erst um einiges später. Während des Krieges und auch danach agierte Wilhelm, als "roter Prinz" bezeichnet, mit einer Kampfgruppe im Gebiet der Ukraine. Das tat er auch gegen den Willen des Verbündeten Deutschland, der die Ukraine nur als Kornkammer sah. (Diese Ansicht sollte sich im zweiten Weltkrieg wiederholen.)
Selbst im Exil agierte er für eine unabhängige Ukraine, spionierte im zweiten Weltkrieg für Engländer und Franzosen und wurde 1948 von den Sowjets in Wien entführt, monatelang in Baden verhört und starb daraufhin an den Folgen der Verhöre in Kiew.
Neben der hochinteressanten Lebensgeschichte ist es faszinierend zu lesen, welche machtpolitischen Konstrukte Staaten und Nationen darstellen. Die Idee einer Nation brauchte zu Beginn permanentes Marketing um sich in den Köpfen der Bevölkerung festzusetzen. Vor dem ersten Weltkrieg stand es den privilegierten Schichten frei zu reisen oder sich für einen Staat zu entscheiden und damit die eigene Lebensgeschichte neu zu erfinden.
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